Glocke der Achtsamkeit

Liebe Freundinnen und Freunde,

im Jahr 2006 hat die UNESCO den 2550. Geburtstag des Buddha mit einem besonderen Ereignis geehrt. Der vietnamesische Botschafter bei der UNESCO lud mich ein, an dieser Feier teilzunehmen, und so habe ich am 7. Oktober 2006 drei Anregungen vorgestellt und meine Unterstützung bei ihrer Durchführung zugesichert.

Im Buddhismus geht es um Erwachen. Wir befinden uns in einer gefährlichen Lage, die ein kollektives Erwachen erfordert, und die UNESCO kann dabei helfen, ein solches zu fördern.

Mein erster Vorschlag war, dass die UNESCO ein Institut für Frieden und Gewaltlosigkeit ins Leben rufen sollte. Es gibt eine Anzahl von Friedensuniversitäten, die sich jedoch mehr der Forschung als der Praxis widmen. Wir können Lehrer und Lehrerinnen, Eltern, politische Führer, usw. einladen und Ihnen Werkzeuge nahe bringen, die ein Leben ohne Gewalt möglich machen. Die UNESCO kann Teilnehmer vorschlagen und unsere Gemeinschaft wird sich glücklich schätzen, kostenlos Dharmalehrer zur Verfügung zu stellen, um ein solches Training zu ermöglichen. Ich habe den Zuhörern erzählt, dass wir diese Art Training auch mit Polizisten, Gefängniswärtern und Kongressabgeordneten praktiziert haben, warum also nicht auch mit den Botschaftern der UNESCO? Frieden beginnt immer bei uns selbst. Anders ausgedrückt: Die UNESCO muss selbst eine Gemeinschaft werden, eine Gemeinschaft, die miteinander Frieden übt und nicht nur über Themen diskutiert und Entscheidungen trifft. Sie kann dann andere dazu anspornen, dasselbe zu tun.

Mein zweiter Vorschlag gilt einem Gipfeltreffen der christlichen, muslimischen und jüdischen Religionsführer, zu dem die UNESCO einladen könnte, um den Konflikt im Nahen Osten zu heilen. Wir töten im Namen Gottes, im Namen der Demokratie, der Freiheit und der Zivilisation . Wenn ich zwischen Buddhismus und Frieden wählen müsste, würde ich mich für den Frieden entscheiden. Denn wenn ich mich für Buddhismus und Krieg entscheiden würde, würde das den Buddhismus zerstören. Man kann nicht im Namen des Buddhismus töten. Wir müssen die falschen Vorstellungen beseitigen, um den Konflikt zu beenden. Dharmalehrer, die in Plum Village ausgebildet werden, können mit ihrer Praxis des Friedens und der Versôhnung dazu beitragen, se wie sie es schon viele Male mit Gruppen von Israelis und Palästinensern getan haben, die jedes Jahr zu uns kommen, um zu praktizieren. Ich habe vorgeschlagen, dass die geistlichen Führer dieser drei Traditionen sich in Paris für 21 oder 50 Tage zusammenfinden und dort einen Friedensvorschlag an ihre politische Führung ausarbeiten, um die Zerstörung im Mittleren Osten zu beenden. Die UNESCO ist eine Organisation, die sich zur Aufgabe gemacht bat, Kultur, Erziehung und Wissenschaft zur fördern. Wir brauchen eine Kultur des Friedens, eine Erziehung zum Frieden und eine Friedenswissenschaft.

Mein dritter Vorschlag war die Förderung von autofreien Tagen (No-Car-Days) durch die UNESCO. Ich erklärte, dass autofreie Tage ein geschicktes Mittel seien, um sich die globale Erwärmung bewusst zu machen. Plum Village und all seine Klöster haben zu wöchentlichen autofreien Tagen aufgerufen und wir sind auch dabei, auf "grünere" Autos umzustellen sowie den Co2-Ausstoß auf die Hälfte zu reduzieren. Jeder von uns sollte ein Arm des Buddhas sein, um die Praxis zu erneuern damit ein Leben in Hoffnung, Glück und Mitgefühl möglich wird. Die fünf Achtsamkeitsübungen sind eine Art globaler Ethik. Jede spirituelle Tradition beinhaltet sie auf ihre eigenen Weise. Gemeinschaften zu bilden ist sehr wichtig. Wir haben einen Weg. Warten wir nicht bis morgen. Was immer Sie tun können, tun Sie es heute, dann wird das Alter eine köstliche Frucht sein. Der Buddha ist immer da, um uns zu unterstützen und zu leiten. 

Thich Nhat Hanh