Thay im Schwerpunktthema

Kein Kommen, kein Gehen
Das buddhistische Verständnis der Realität


Thich Nhât Hanh
 

Wiedergeburt

Der Begriff Wiedergeburt kann auf viele verschiedene Arten betrachtet werden. Wiedergeburt bedeutet Fortführung. Diese Fortführung muss im Licht von Intersein, von Nicht-Geburt und Nicht-Tod, im Licht von Unbeständigkeit gesehen werden. Viele Menschen fragen: „Was passiert, wenn sich der Körper auflöst?” Und es gibt viele Möglichkeiten zu antworten – je nachdem, wie weit unser Verstehen reicht.
Normalerweise glauben wir, dass unser Bewusstsein etwas in uns ist, was bereit ist, nach draußen zu gehen und mit der objektiven Wirklichkeit außen in Kontakt zu treten. Wir glauben, außen sei die objektive Wirklichkeit und in uns die subjektive. Diese Sichtweise müssen wir überwinden, denn sowohl Subjekt als auch Objekt der Wahrnehmungen manifestieren sich aus dem Bewusstsein nach dem Prinzip des Interseins.
Erinnern wir uns an Winnie Pooh, den Bären: Er hatte Angst, weil er Spuren sah und dachte, ein feindliches Tier sei ihm auf den Fersen. Er musste erkennen, dass dies seine eigenen Spuren waren.
Dasselbe gilt für unsere Fragestellung. Wir glauben, wir seien getrennt von unserem Bewusstsein, doch die Wirklichkeit ist nur das Objekt unseres Bewusstseins. Das ist das Schwierigste, was wir verstehen müssen, und gilt auch für die moderne Wissenschaft, obwohl es dort Forscher wie Arthur Stanley Eddington in England gab, der erkannte, dass die Spuren unserer Vorfahren unsere Spuren sind.
Die Wirklichkeit ist unser Bewusstsein. Subjekt und Objekt intersind, ohne Subjekt gibt es kein Objekt, ohne Objekt kein Subjekt, sie manifestieren sich zum selben Zeitpunkt. Sehen heißt, etwas zu sehen, doch derjenige, der sieht, existiert nicht unabhängig von dem Objekt, das er sieht. Das ist sehr einfach, aber gleichzeitig sehr tief und sehr schwierig. Derjenige, der sieht, existiert nicht unabhängig von dem, was er sieht.
Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas. Bewusstsein geschieht nur in einer Millisekunde, es ist wie ein Elektron, seine Natur ist nicht-lokal. Nicht-Lokalität ist ein Begriff aus der Quantenphysik, mit dem ausgedrückt wird, dass Teilchen nicht lokalisiert können werden. Das widerspricht unserer Vorstellungswelt. Wir glauben, wenn etwas hier ist, kann es nicht gleichzeitig an mehreren Orten sein. Doch Wissenschaftler haben bewiesen, dass ein Elementarteilchen hier und dort sein kann, dieses und jenes. Es kann du sein, es kann ich sein, es kann hier sein, in Asien oder Nordamerika. Die wahre Natur der Realität ist nicht-lokal und Nicht-Zeit. Subjekt und Objekt manifestieren sich zum selben Zeitpunkt. Es ist wie mit links und rechts, man kann nicht sagen, zuerst gibt es links und dann rechts, beide erscheinen gleichzeitig.

 

Bewusstsein

Deshalb sagen Wissenschaftler, dass die Natur des Bewusstseins cinematografisch sei. Wenn wir einen Film ansehen, glauben wir, dass es sich um etwas Kontinuierliches handle, doch wir wissen, dass ein Film nur aus einzelnen Bildern besteht. So verhält es sich auch mit dem Bewusstsein. Es ist nichts Andauerndes, sondern dauert eine Millisekunde. Und weil sich viele solche Bewusstseinsmomente aneinanderreihen, haben wir den Eindruck, Bewusstsein sei etwas Andauerndes. Das ist eine Illusion. Die Natur der Bewusstseins ist cinematografisch, kurze Momente, die aufeinanderfolgen und die wir nicht greifen können.
Ebenso verhält es sich mit einer Flamme. Wir glauben, sie brenne dauerhaft, doch das stimmt nicht. Es gibt eine Aufeinanderfolge von Flammen, die den Eindruck erwecken, es handle sich immer um dieselbe Flamme, doch das stimmt nicht. Die Flamme dieses Augenblicks lässt die Flamme des nächsten Augenblicks entstehen, und die wiederum lässt die Flamme des übernächsten Augenblicks entstehen. Dinge existieren nur in einer Millisekunde.
Das ist nicht nur wahr für unser Bewusstsein, sondern auch für unseren Körper. Zellen sterben, neue Zellen werden geboren und in einem Monat besteht unser Körper aus anderen Zellen. Dasselbe können wir bei einem Fluss beobachten. Wir sehen ihn und glauben, es sei derselben Fluss, doch das Wasser ist nicht dasselbe. Ihr könnt nicht zweimal im selben Fluss schwimmen. Und wenn ihr morgen schwimmen geht, dann seid ihr nicht mehr dieselbe Person wie gerade jetzt. Nicht nur der Fluss verändert sich, auch du veränderst dich. Es ist eine falsche Sicht-weise zu glauben, das Bewusstsein sei immer dasselbe, es gebe eine Seele, die immer gleich sei. Alles verändert sich. Es gibt nur Augenblicke.
Die moderne Wissenschaft hat keine Schwierigkeiten, das anzuerkennen. Aus der Gehirnforschung weiß man, dass Neuronen ohne Unterlass miteinander kommunizieren. Sie agieren gemeinsam, ohne Chef. Sie sind wie ein Orchester, das ohne einen Dirigenten wunderbare Musik macht. Ebenso verhält es sich mit unserem Körper. Er besteht aus vielen Zellen, die koordiniert und synchronisiert werden. Sie brauchen keinen Präsidenten für alle Zellen, der Anweisungen gibt und Entscheidungen fällt. Es gibt kein Selbst.
Wenn es uns gelingt, diese Einsicht in unserem Alltag aufrechtzuerhalten, kann sie ein Faktor der Befreiung werden. Es reicht nicht, die Begriffe Nicht-Selbst und Unbeständigkeit zu verstehen, damit wir uns von unserer Angst und Verzweiflung befreien. Wir müssen sie als Samadhi, als anhaltende Präsenz mit Achtsamkeit und Konzentration, aufrechterhalten und als Erfahrung in unserem täglichen Leben bewahren. Nur das kann uns von unserer Angst, unserer Wut und Verzweiflung wirklich befreien. Es ist wie mit Kartoffeln: Wenn wir sie kochen wollen, müssen wir die Herdplatte mindestens zwanzig Minuten warm halten, damit die Kartoffeln weich werden können.

 

Nicht-Dauerhaftigkeit

In den religiösen Traditionen sind wir versucht, an etwas lang Andauerndes zu glauben, wie z. B. an eine Seele. Im Buddhismus gibt es den Begriff der Seele nicht. Du kannst dein Bewusstsein natürlich auch Seele nennen, wenn dir bewusst ist, dass seine wahre Natur die cinematografische Natur ist. Dein Bewusstsein besteht aus kurzen momentanen Manifestationen. Wenn du es auf diese Weise verstehst, bist du frei, jedes Wort dafür zu benutzen, auch das Wort Seele. Wer von Bewusstsein spricht, damit jedoch etwas Dauerhaftes verbindet, liegt falsch.
Bewusstsein und das Objekt des Bewusstseins sind wie ein Kinofilm. Wenn wir glauben, die Seele oder das Bewusstsein seien dauerhaft, nur der Körper zerfalle, ist das der Glaube an Ewigkeit. Der Glaube an Dauerhaftigkeit ist eine falsche Sichtweise. Im Buddhismus spricht man von Unbeständigkeit und auch in der Wissenschaft weiß man heute, dass alles veränderlich ist.
Mit Dharmas bezeichnet man die Geistesobjekte. Die Welt der Erscheinungen ist die Welt der Geistesobjekte. Die Sonne, die Erde, der Kosmos, die Galaxien, all das sind Objekte unseres Geistes. Auch unser Körper ist ein Objekt unseres Geistes. Und auch unser Geist ist ein Objekt unseres Geistes. Deshalb können wir unseren Geist untersuchen, denn Objekt des Geistes und Geist intersind. Das eine kann nicht ohne das andere sein. Rechte Sichtweise sollte die Vorstellung von Dauerhaftigkeit überwinden. Die Vorstellung von einer ewig währenden Seele kann nicht aufrechterhalten werden, weder von einem guten Buddhisten noch von einem guten Wissenschaftler. Doch auch das andere Extrem, dass nach dem Tod nichts mehr ist und sich alles auflöst und verschwindet (Nihilismus), ist eine falsche Sichtweise. Als Buddhisten sind wir weder im einen noch im an-deren verhaftet. Wiedergeburt muss im Licht von Nicht-Dauerhaftigkeit und Nicht-Nihilismus verstanden werden.
(....)

(Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift.)